Linkes Bündnis gg. Antisemitismus in Erfurt: Selbstverständnis ist da.

Bereits in 2024 fand sich in Erfurt ein linkes Bündnis gegen Antisemitismus zusammen. Es nennt sich AG gegen Antisemitismus in Erfurt. Seit dem mischt sich die AG in Debatten ein, meldete eine Kundgebung an und organisierte Veranstaltungen zum Thema. Selbst bezeichnet es sich als „loses“ Bündnis. Nach organisierten Gruppen innerhalb des Bündnisses sucht man vergebens. Vermutlich ein Anhaltspunkt dafür, dass israelsolidarische Positionen in der radikalen Linken in unseren Breiten nicht mehr so selbstverständlich zusammenkommen und nach außen sichtbar werden.

Wir möchten auf das jüngst veröffentlichte Selbstverständnis der AG aufmerksam machen und freuen uns, dass die Leerstelle einer breiter organisierten linken Kritik an Antisemitismus in dieser Form zusammengekommen ist. Am Yisrael Chai!

Wir sind AGgA – AG gegen Antisemitismus in Erfurt, ein Zusammenschluss linker Menschen aus Erfurt, die sich im Jahr 2024 aus politischer Notwehr heraus als loses Bündnis zusammengefunden haben. Eine Reihe von Ereignissen hat uns zu diesem Schritt bewegt.

Erstens: das ohrenbetäubende Schweigen großer Teile der linken und linksradikalen Zusammenhänge nach dem antisemitischen Massaker vom 7. Oktober 2023.

Zweitens: die seitens der Organistor:innen in Kauf genommenen antisemitischen Vorfälle auf dem System Change Camp in Erfurt.

Drittens: das Auftauchen neuer, meist roter Gruppen, die sich zugleich mit autoritärer Attitüde und antisemitischen Positionen hervortun – eine Mischung aus politischem Dogmatismus und moralischer Selbstüberhöhung, die leider nur zu gut bekannt ist.

Am 07. Oktober 2023 verübte die islamistische Terrororganisation Hamas mit ihrem Angriff auf Israel und seine Bevölkerung das größte antisemitische Pogrom seit der Shoa. Tausende Menschen fielen an diesem Tag dem antisemitischen Vernichtungswahn der Islamisten zum Opfer: etwa 1200 verloren an diesem Tag ihr Leben, 5400 wurden verletzt, 250 wurden als Geiseln in den Gaza-Streifen verschleppt. Sie waren massiver Grausamkeit, Folter und dem Einsatz systematischer sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Linke Solidaritätsbekundungen gegenüber den Betroffenen und Opfern des 7. Oktober hat man allerdings innerhalb der linken Bewegung, auch in Thüringen, oft vergeblich gesucht. Was stattdessen rasch Konjunktur hatte, waren abstrakte, oft reflexhafte Positionierungen zum „Nahostkonflikt“. Kaum war der Rauch über den Massakern verzogen, wurde bereits wieder geopolitisch daher geredet. Vermehrt wurde auch die Hamas als „Widerstandsorganisation“ verharmlost und die systematische sexualisierte Gewalt an israelischen Frauen und Mädchen relativiert oder sogar geleugnet.

Antisemitische Äußerungen von linken Gruppen häuften sich und in Thüringen und Erfurt entstanden neue Gruppen, die neben ihrem Antisemitismus auch durch ihre autoritaristischen Positionen auffielen. Politisch kreiste und kreist dabei fast alles um ein einziges Thema – Palästina bzw. Gaza – während andere soziale, ökologische oder emanzipatorische Fragen scheinbar aus dem politischen Universum verschwinden oder hinten anstehen müssen.

Nachdem es auf dem System Change Camp, das 2024 in Erfurt stattfand, mehrere antisemitische Vorfälle gab, die von Seiten der Camp-Orga trotz der Kritik linker Gruppen aus Erfurt unbearbeitet blieben, haben wir ein Statement verfasst, das die Geschehnisse auf dem Camp und einer antirassistischen Demonstration in Erfurt im gleichen Zeitraum, aufarbeitet und unsere Kritik am Umgang der Camp-Orga/ Camp-Teilnehmenden beinhaltet. Das Statement könnt ihr hier nachlesen: https://agga.noblogs.org/texte-2/

Zum Jahrestag des 7. Oktober 2024 organisierten wir eine Kundgebung mit anschließender Filmveranstaltung. Wir gingen auf die Straße – in Trauer um die Opfer des Massakers, in Solidarität mit den Überlebenden und als klares Signal gegen Antisemitismus.

Antisemitismus einfach unter dem Schlagwort „Rassismus“ zu subsumieren, halten wir analytisch für falsch. Beide sind eigenständige Ideologien und müssen auch als solche verstanden und bekämpft werden. Gleichzeitig gilt: Rechte und rassistische Ressentiments haben im Kampf gegen Antisemitismus nichts verloren. Wer Antisemitismus instrumentalisiert, um gegen Migrant:innen oder Muslim:innen zu hetzen, betreibt keine Solidarität mit Jüdinnen:Juden, sondern verbreitet Rassismus.

Eine Kritik des Islamismus als antisemitische und rassistische Ideologie hingegen halten wir in der Auseinandersetzung für unabdingbar. Deshalb stellen wir uns klar gegen die Verharmlosung der Auslöschungsfantasien gegenüber Israel und islamistischen Terror von Hamas, Hisbollah und des iranischen Regimes.

Was es braucht, ist eine linke Präsenz, die sich klar gegen Antisemitismus, Rassismus und Islamismus positioniert.

Was es braucht, ist eine linke Bewegung, die die Solidarität mit Israel als Konsequenz aus der Geschichte begreift – mit dem einzigen Staat der Welt, der Jüdinnen:Juden tatsächlich Schutz bieten kann.

Was es braucht, ist eine Linke, die die frauenverachtende Gewalt des antisemitischen Massakers der Hamas am 7. Oktober beim Namen nennt und gleichzeitig das Leid der palästinensischen, libanesischen und iranischen Zivilbevölkerung anerkennt – sowohl unter der Herrschaft von Hamas, Hisbollah und dem Mullah-Regime als auch unter den Folgen der von ihr entfachten militärischen Eskalation.

Und was es braucht, ist eine linke Solidarität mit Jüdinnen:Juden weltweit, die derzeit wieder vermehrt ausgegrenzt, bedroht und angegriffen werden – auf Straßen, an Universitäten, in sozialen Netzwerken und leider auch in politischen Milieus, die sich selbst gern für besonders aufgeklärt halten.

Wir arbeiten als Bündnis anlassbezogen. Das bedeutet: Wir organisieren Veranstaltungen, veröffentlichen Statements, mischen uns in Debatten ein und beziehen Position, wenn antisemitische Narrative Raum greifen – egal ob auf Demonstrationen, in politischen Gruppen oder in vermeintlich progressiven Kontexten.

Uns geht es darum, Widerspruch zu organisieren, wo Antisemitismus verharmlost wird – und eine linke Praxis zu stärken, die sich nicht vor der eigenen Verantwortung drückt. Denn wenn Antisemitismus selbst in linken Zusammenhängen unwidersprochen bleibt, dann ist nicht nur etwas aus dem Ruder gelaufen – dann hat ein Teil der Linken schlicht vergessen, wofür sie mal angetreten ist.