„Anartschüssmus“

Die anarchosyndikalistische Zeitschrift Tsveyfl schreibt in ihrem aktuellen Newsletter:

Die nunmehr vierte und letzte Ausgabe ist soeben erschienen. Bezogen werden kann sie wie immer beim Syndikat-A. Das Ende ist geprägt vom Entsetzen über den sogenannten ‚organisierten‘ Anarchismus in allen seinen Formen bezüglich der Reaktionen auf den 7. Oktober 2023, wie auch der Einsicht, dass es zwar Interesse an anarchistischer Theorie gibt, nur nicht bei den Anarchistinnen. Dies lässt sich als Paradox für uns freilich gut aushalten, nur rechtfertigt es kein anarchistisches Theorieprojekt. Wer Näheres zu unserem Entschluss lesen möchte, kann dies in der letzten Ausgabe der Tsveyfl tun.

Also wir wollen näheres dazu lesen, allen, denen es ebenso geht, können uns bis 31.3. kurz Bescheid geben, dann machen wir eine Sammelbestellung. Das Heft umfasst 110 Seiten und kostet 5€.

Hier der Inhalt:

  • Redaktion Tsveyfl / Anartschüssmus
  • Call for Papers / Anarchismus & Klasse
  • Redaktion Tsveyfl / Arbeit, Klasse und Klassenverhältnis heute
  • Sam Oht / Emanzipation und Klassenkampf
  • AG Arbeitsunsinn / in der linken alles eher so mittel klasse
  • Redaktion Tsveyfl / Das Kleinbürgerliche im anarchistischen Theoretiker
  • Yvonne Röll / Anarchismus und Klasse
  • Jürgen Mümken / Foucault, die „neuen“ Kämpfe der 1970er und der Neoliberalismus

„Topf & Söhne – Besetzung auf einem Täterort“ jetzt wieder zu haben

Das Standardwerk (okay: das einzige Buch) über die Besetzung auf dem ehemaligen Topf&Söhne-Gelände in Erfurt 2001- 2009, war einige Zeit vergriffen und ist jetzt wieder erhältlich.

Im Buch »wird sowohl die Geschichte der Firma wie die vielfältigen Aktivitäten der BesetzerInnen dokumentiert. Diese stoßen immer wieder, zum Beispiel anhand des Topos der ›deutschen Wertarbeit‹, auf die schwierige Frage des Verhältnisses von Nationalsozialismus und Kapitalismus. (…) Durch das mit über 200 Fotos reichhaltig illustrierte Buch entsteht ein sehr plastisches Bild, das von der Spannung zwischen dem linksradikalen Alltag sowie der historischen Bedeutung des Ortes lebt – und den jeweiligen Umgang damit schildert.« (Bernd Hüttner)

Weitere Rezensionen, eine Leseprobe und Fotos aus dem Buch gibt es auf der Webseite zum Buch.

Das Buch ist im Infoladen zu den Veto-Öffnungszeiten zu haben; alternativ auch in der Offenen Arbeit Erfurt, beim Bildungskollektiv Biko, beim Graswurzel-Verlag oder im lokalen Buchhandel.

Karl Meyerbeer, Pascal Späth
Topf und Söhne – Besetzung auf einem Täterort
Graswurzel-Verlag, 3. Auflage Heidelberg 2024
192 Seiten, 15,90€

Versandhandel Sabotnik: »Die Krake«, Nr. 12 und G20-Broschüre

Neu erschienen ist die 12. Ausgabe der »Krake« und eine umfangreiche G20-Broschüre. Beides gibt es bald im Infoladen zu lesen. Wer eigene Hefte haben möchte, kann uns bis zum 5. August eine Mail schreiben — wir bestellen gerne weitere Exemplare mit.

Cover der Krake»Die Krake« ist — so die Herausgeberin Gwendolin in einem Interview bei Linksnet — ein »feministisches Untergrundheft zum Thema alternative Beziehungsformen mit lesbischem Schwerpunkt, ein Forum für alle, die das Leben jenseits des Paares interessiert z.B. in Freundinnennetzen, nichtmonogamen Beziehungen, Kommunen, als glückliche Solistin«. Seit 12 Jahren bietet das Zine Erfahrungsberichte, Rezensionen, Kommentare, gesellschaftstheoretische Analysen, Comics und Geschichten über verschiedene Varianten, in der alltäglichen Beziehungsführung Normen zu überschreiten und gegenhegemoniale Strukturen aufzubauen. Dabei geht es um die aktuell populäre Polyamory, aber auch um viele weitere Formen alternativer Beziehungsführung. Gerade ist die 12. Ausgabe für 1-2€ erschienen.

Cover G20-BroschüreEbenso gerade erschienen ist eine Broschüre zur Dokumentation der Aktionen anlässlich des G20-Gipfels im letzten Jahr in Hamburg. Sie enthält eine umfangreichen Materialsammlung zu den vielfältigen Protesten sowie deren Folgen und der politischen Aufarbeitung der Ereignisse. Ergänzend zu der Broschüre sind auf den eingelegten DVDs zahlreiche Daten mit Aufrufen, Flugblättern, Plakaten, Fotos, Zeitungsberichten u.v.m. sowie fünf Stunden Videomaterial zu sehen. Was im Archiv einen ganzen Aktenordner füllt, ist damit auf 120 Seiten zusammengefasst. Die Broschüre kostet 8€.

Den Himmel stürmen

Nach der Kundgebung gegen die Kammwegklause in Erfurt findet am Donnerstag im Veto ab 20 Uhr eine Veranstaltung zu Operaismus statt. Um das Interesse daran zu entflammen, veröffentlichen wir folgend eine Rezension des 2005 erschienenen Buches „Den Himmel stürmen – eine Theoriegeschichte des Operaismus“.

Den Himmel stürmen – Aspekte eines Kampf-Zyklus und einer großen Niederlage

Üblicherweise gilt Frankreich als Zentrum der 68’er-Revolte – hatten sich doch hier die Kämpfe in den Fabriken mit der Studentenbewegung zur „Bewegung der Besetzungen“ verbunden, die schließlich sogar in einem Generalstreik landesweit die Produktion lahmlegte. Demgegenüber werden die Kämpfe, die nach 1968 in Italien stattfanden, oft vergessen – und das obwohl hier das Bündnis zwischen linksradikaler Studentenbewegung und nicht-normierten Klassenkämpfen in den Fabriken viel weiter ging und sich die Kämpfe beinahe über ein Jahrzehnt erstreckten, die schließlich in einen blutigen Bürgerkrieg mündeten. Weiterlesen

Broschüre erschienen: Stadt der Vielfalt?

Stadt der Vielfalt? Rassismus, soziale Ausgrenzung und Nazigewalt in Erfurt
Im Nachgang zu den zahlreich bekannt gewordenen Naziübergriffen und rassistischen Anfeindungen diesen Jahres und den darauf antwortenden antifaschistischen Reaktionen ist nun die Broschüre „Stadt der Vielfalt? Rassismus, soziale Ausgrenzung und Nazigewalt in Erfurt“ erschienen.

Am 25. Mai 2009 wurde Erfurt von der Bundesregierung als „Stadt der Vielfalt“ ausgezeichnet. Aber wie vielfältig und weltoffen ist die Landeshauptstadt von Thüringen? Diese Broschüre macht die Perspektive derer deutlich, die auf Vielfalt und Weltoffenheit angewiesen sind, weil sie der Mehrheitsgesellschaft nicht angehören. Die Antworten zeichnen ein düsteres Bild von einer Stadt, die sich mit Vielfalt schmückt, aber gleichzeitig ein massives Problem mit Rassismus, sozialer Ausgrenzung und Nazigewalt hat. Ergänzt werden die Erfahrungsberichte durch verschiedene Versuche, die geschilderten Zustände zu erklären und ein Kapitel, das sich der Frage „Was tun?“ widmet.

Die Broschüre bekommt ihr kostenlos im veto, bei ezra und im Redroxx. Bestellen könnt ihr sie beim Verlag Edition Assemblage.

Lesen gegen Sarrazin

Die Mobilisierung gegen die rassistische, biologistische und sozialchauvinistische Lesung von Thilo Sarrazin läuft auf Hochtouren. Auf einer Kundgebung am 9. Mai werden ab 18 Uhr vor der Alten Oper viele verschiedene Menschen gemeinsam gegen Sarrazin und seine Thesen demonstrieren. Wer sich bis dahin noch inhaltlich fit machen will, kann zum einen die Veranstaltungsreihe des Bündnis‘ „Sarrazin absagen.“ besuchen und zum anderen einen Blick in die Bibliothek des Infoladens werfen. Hier haben wir nämlich nachgelegt und fünf Bücher zum Thema besorgt. Im folgenden werden diese kurz vorgestellt.

Der Sammelband „Rassismus in der Leistungsgesellschaft„, herausgegeben von Sebastian Friedrich, beschäftigt sich mit kritischen Analysen der rassistischen „Sarrazindebatte“. Es geht also in erster Linie nicht um Sarrazin selbst sondern um dessen Absorption durch die Gesellschaft. Das Buch erscheint in einem wissenschaftlichen Duktus mit universitärem Hintergrund. Manche Texte sind dementsprechend sehr anspruchsvoll geschrieben. Im ersten Beitrag zeichnet Friedrich die Sarrazindebatte nach und ordnet wesentliche Merkmale ein. Dabei stellt er eine Diskursverschiebung nach rechts und eine Verknüpfung des Einwanderungsdiskurses mit dem Ökonomiediskurs fest. Darauf folgen die Abschnitte „Migration und Rassismus“, „Bevölkerungs- und Biopolitik“, „Kapital und Nation“ und „Interventionen und Perspektiven“, in denen jeweils mehrere Autoren unterschiedliche Aspekte der Sarrazindebatte thematisieren. Die Bandbreite reicht dabei von Diskursanalysen bis hin zu rein theoretischen Abhandlungen. Dabei beinhalten die tiefgründigen Beiträge viele interessante Gedanken, die zur Weiterbeschäftigung mit den einzelnen Themen anregen.
Das letzte Kapitel „Interventionen und Perspektiven“ fällt im Vergleich zu den anderen Kapiteln leider ziemlich kurz aus. Die Intention des Buches, sich theoretisch mit der „Sarrazindebatte“ auseinanderzusetzen, ist dafür um so eindrucksvoller gelungen.

In „Sarrazin und der Extremismus der Mitte“ lenkt Klaus Ahlheim den Blick auf die in der Gesellschaft fest verankerten fremdenfeindlichen und antisemitischen Einstellungen. Demnach hat Sarrazin diesen Ressentiments eine seriöse Stimme gegeben, das „Problem [aber] ist ein weit verbreiteter Ethnozentrismus in der Mitte der Gesellschaft“. Hinzu kommt eine neue Lust, auf Deutschland stolz zu sein, die oft verbunden ist mit der „Ablehnung des Fremden und Anderen“. Ahlheim untermauert seine Aussagen mit zahlreichen eigenen und herangezogenen empirischen Untersuchungen, ohne jedoch einer blinden Zahlenglauberei zu verfallen. In einem eigenen Text warnt er vor „positivistischer Empiriegläubigkeit“ und zeigt, wie politische Vorentscheidungen der Forscher das empirische Instrumentarium selbst bestimmen. In weiteren Texten werden Migration, Schlussstrichmentalität und Fremdenfeindliche Einstellungen thematisiert. Die letzten beiden Beiträge beschäftigen sich mit Fragen der pädagogischen Interventionsmöglichkeit und einer Warnung vor akzeptierender Jugendarbeit, die rechte Einstellungen nicht bekämpfen sondern integrieren möchte.
Trotz des wissenschaftlichen Hintergrundes lässt sich das Buch flüssig lesen und bietet zahlreiche Fakten, die gerade in täglichen Auseinandersetzungen mit Sarrazinbefürwortern hilfreich sein können.

Thomas Wagner und Michael Zander bilanzieren zu Beginn von „Sarrazin, die SPD und die Neue Rechte“ die Sarrazin-Debatte. Dabei gelingt es ihnen, Sarrazins Thesen besonders grundlegend zu widerlegen. Beispielsweise zeigen sie, dass in Gesellschaften mit hoher Ungleichheit erheblich mehr Menschen erkranken als in Gesellschaften mit einer niedrigeren Ungleichheit – und zwar über alle sozialen Schichten hinweg. Der These, dass es in einer Gesellschaft immer Menschen geben muss, die über andere herrschen, entgegnen sie mit historischen Beispielen von langjährig bestehenden Gesellschaften, in denen alle gemeinsam über ihre Belange entschieden. Deutlich stellen sie heraus, dass die Behauptung, Menschen wären von Natur aus unterschiedlich, der Legitimierung der gesellschaftlichen Stellung von Sarrazin und Co. dient.
Es wird gezeigt, dass Sarrazin einem rechten Klüngel innerhalb der SPD entspringt, der seit jeher versucht, den wenigen noch verbliebenen sozialen und demokratischen Inhalten der Partei den Garaus zu machen. Dabei stürzen sich Neue Rechte und rechte Postillen wie die „Junge Freiheit“ mit Freude auf die von Sarrazin postulierten Thesen. Sie feiern Sarrazin als den letzten Verteidiger der Meinungsfreiheit und nutzen den erzeugten Trubel, um sich selbst stärker gesellschaftlich zu verankern. Dass dies funktioniert zeigt der überaus große Zuspruch, den Sarrazin aus der Mittelschicht erfährt. Denn gerade mit den Krisenwahrnehmungen der letzten Jahre sind dort „eine gestiegene Islamfeindlichkeit, […] zunehmende Abwertung sozial schlechter gestellter Gruppen und eine wachsende Akzeptanz rechtspopulistischer Einstellungen“ zu vernehmen.

Volker Weiß geht in seinem Essay „Deutschlands Neue Rechte. Angriff der Elite – Von Spengler bis Sarrazin“ auf die Spurensuche nach einer „Lust an der Apokalypse“. Denn Sarrazin ist bei Weitem nicht der Erste, der den Untergang Deutschlands herannahen sieht. Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts treten immer wieder rechte Ideologen mit ähnlichen Thesen an die Öffentlichkeit. Würde man all denen Glauben schenken, hätte sich Deutschland schon mehr als einmal selbst abgeschafft. Es werden immer wieder ähnliche Symptome des Verfalls angeführt: eine irrationale Angst vor der „Masse“, Dekadenz und der Verlust der deutschen Identität. Dagegen helfe, so die rechten Theoretiker, nur eine Stärkung der Nation, die Disziplinierung der Masse, die Absonderung des „sozialen Ballasts“ und die Herausbildung einer Nationalen Elite. Besonders letzteres, die Herausbildung einer starken Elite, steht dabei eng im Zusammenhang mit einer Ideologie der Ungleichheit. Im übrigen zählen die Autoren selbst immer auch zu den von ihnen heraufbeschworenen Eliten. Volker Weiß weist nach, „dass dieses Bedürfnis nach ‚Elite‘ in direkter Tradition der republikfeindlichen Theoretiker der Weimarer Zeit steht und heute von einer ’neuen‘ Rechten befeuert wird, der an einer konservativen Revolution gelegen ist.“
Betrachtet werden neben Oswald Spengler und Thilo Sarrazin auch Edgar Julius Jung, Ortega y Gasset, Friedrich Sieburg, Carl Schmitt, Arnold Gehlen, Botho Strauß und Peter Sloterdijk.

In „Anti-Sarrazin“ versucht sich Sascha Stanicic an einer Widerlegung der Thesen Sarrazins. Herausgegriffen und dargestellt werden Thesen, die Sarrazin in seinem Buch beschreibt oder die in der medialen Debatte zum Vorschein kamen. Anschließend wird ihnen argumentativ begegnet. Angefangen bei der Frage „Tabubruch oder Kampagne?“ über Fragestellungen von Migration und Integration, Islamfeindlichkeit, Arbeit, Bildung und Soziales, Genen, Intelligenz und Rassismus bis hin zur Frage „Kommt die Sarrazin-Partei?“ deckt das Buch das breite Spektrum regressiver Stellungnahmen im Rahmen der Sarrazindebatte ab. Im Anschluss steht der Versuch darzustellen, wie man Alternativen zu Sarrazin verwirklichen kann.
Gut arbeitet Stanici dabei die gesellschaftliche Stellung Sarrazins und dessen Interessen heraus. Er konstatiert einen „Klassenkampf von oben“, den Sarrazin sehr erfolgreich führt.
Demgegenüber fällt mein Urteil über das eigentliche Ziel des Buches, nämlich Argumente gegen Sarrazin zu liefern, eher schlecht aus. Die Beschäftigung mit den einzelnen Themen bleibt oberflächlich. Die Argumentationslogik ist brüchig und nicht stichhaltig. Selbst die angegebenen Quellen sind eher fragwürdig. Einen leichtverständlichen Ein- und Überblick über die rückständigen Thesen Sarrazins bietet das Buch aber allemal.

  • Sebastian Friedrich (Hg.): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. Analysen und kritische Perspektiven zu den rassistischen Normalisierungsprozessen der „Sarrazindebatte“. Edition Assemblage, 264 Seiten, in der Infoladen Bibliothek zu finden unter MR55.
  • Klaus Ahlheim: Sarrazin und der Extremismus der Mitte. Empirische Analysen und pädagogische Reflexionen. Offizin Verlag, 155 Seiten, in der Infoladen Bibliothek unter MR54.
  • Wagner und Zander: Sarrazin, die SPD und die Neue Rechte. Verlag Das Neue Berlin, 160 Seiten, in der Infoladen Bibliothek zu finden unter RA105.
  • Volker Weiß: Deutschlands Neue Rechte. Angriff der Eliten – Von Spengler bis Sarrazin. Verlag Ferdinand Schöningh, 141 Seiten, in der Infoladen Bibliothek zu finden unter RA83.
  • Sascha Stanicic: Anti-Sarrazin. Argumente gegen Rassismus, Islamfeindlichkeit und Sozialdarwinismus. Verlag PapyRossa, 166 Seiten, in der Infoladen Bibliothek zu finden unter MR53.

Zehn Jahre zwischen Letscho und Sterni

Am 31. Juli 2011 hat der letzte Bewohner die Schillerstraße 42 in Gera verlassen. Das Haus war über Jahre hinweg ein Treffpunkt der radikalen Linken in Thüringen und darüber hinaus. Aufs Engste mit dem Haus verbunden ist Thomas Panitz. Kaum jemand würde sein Gesicht auf der Straße erkennen, und durch gehörte er durch sein kontinuierliches Wirken im Hintergrund zu den schillernsten Gestalten der deutschsprachigen Linken. Seit dem vergangenen Sonntag gibt es den ersten Teil seiner Autobiographie im Infoladen-Buchbestand. Weiterlesen

Kleines, mittleres und großes Krisenkompedium

Die Veranstaltung „Krisentheorie und Krisenprotest“ am vergangenen Dienstag sollte vermitteln, wie sich die aktuelle Krisendynamik aus den Grundkategorien des Kaptialismus erklären lässt. Die Veranstaltung war gut besucht, die Rückmeldungen gemischt. Bemängelt wurde vor allem, dass der Versuch, die Welt in einer Stunde zu erklären, sehr schwer zu verstehen war. Um allen die Möglichkeit zu geben, sich ausführlicher mit den theoretischen Grundlagen der wertkritischen Krisentheorie auseinanderzusetzen, stellen wir hier den Vortragstext von Christian Höner online: Wir sind die Krise

Als Grundlage für die Krisentheorie empfiehlt sich eine Einführung in die Kategorien, die begrifflich bei Marx vor der Krise liegen: Arbeit, Wert und Ware. Dazu gibt es vom selben Autor den folgenden, nur wenige Seiten langen Text aus einer älteren Ausgabe der Streifzüge: Was ist der Wert?

Für eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der wertkritischen Krisendeutung empfehlen wir das gerade beim Unrast-Verlag erschienene Buch Die große Entwertung. Wie üblich bei Beiträgen der wertkritischen Gruppe Krisis beginnt das Buch mit eine ausführlichen Darstellung der Grundkategorien — das, was der oben genannte Streifzüge-Text im Schnelldurchlauf darlegt, wird im ersten Drittel des Buches ausführlich und gut verständlich dargelegt. Mensch erfährt, wieso der Kapitalismus ein grundsätzlich krisenhaftes System ist, warum der Arbeitslohn nicht „ungerecht“ ist und warum die Krise kein punktuelles Ereignis, sondern ein Prozess ist, der sich aus der im Kapitalverhältnis angelegten Steigerung der Produktivität automatisch ergibt.

Der zweite Teil des Buches beginnt mit unnötiger Polemik gegenüber anderen Kapitalismuskritiker_innen, um schließlich darzulegen, wie sich Finanztitel wie Kredite und Aktien wertkritisch verstehen lassen: „Mit der Kreation und dem Verkauf von Finanztiteln wird der künftige realökonomische Reichtum [..] vorab in eine Ware verwandelt.“ Dieses „fiktive Kapital“ kann eine Weile dazu dienen, eine kriselnde Wirtschaft zu stabilisieren. Stellt sich allerdings heraus, dass der erwartete realökonomische Reichtum ausbleibt, schlägt die am Anfang der Geschichte stehende Krisenhaftigkeit mit doppelter Wucht durch.

Das dritte Kapitel widmet sich einem von der Wertkritik (wie überhaupt von den meisten Theoretiker_innen) oft vernachlässigtem Thema, nämlich dem konkreten historischen Krisenablauf. Hier wird geschildert, wie die vorher theoretisch dargelegten Prozesse tatsächlich abgelaufen sind. Auch wenn eher kämpferisch orientierte Marxist_innen wie Wildcat nach wie vor näher an den realen Krisenabläufen dran sind, zeigt „Die große Entwertung“, dass die Wertkritik sich nicht nur damit beschäftigt, „lustige Theorie jenseits der Realität“ (SoZ über Krisis) zu produzieren, sondern sich bemüht, den schwierigen Verknüpfungen zwischen dem Elfenbeinturm der abgefahrenen Theorie und den unübersichtlichen realwirtschaftlichen Vorgängen nachzugehen.

„Die große Entwertung“ ist ausleihbar im Infoladen unter der Signatur PAM 92.

Lesen gegen Rassismus

Anlässlich der geplanten Sarrazin-Lesung haben wir unseren Buchbestand bezüglich Rassismus/Antirassismus durchgesehen und u.A. durch Bücherspenden aktualisiert. Wir danken den Spender_innen und möchten hier auf einige ausgewählte Bücher und Materialien hinweisen.

Wie Rassismus über die Presseberichterstattung zum Thema Kriminalität hergestellt wird, hat das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) untersucht und die Ergebnisse im Sammelband Von deutschen Einzeltätern und ausländischen Banden veröffentlicht. Das Buch legt dar, wie fünf Tageszeitungen und der SPIEGEL in der Berichterstattung Fremdheit konstruieren und Flüchtlinge und Migrant_innen als gefährliche Gruppe dargestellt werden. Die Untersuchung ist eingebettet in eine Darstellung der politischen Lage in Bezug auf Rassismus in den späten 1990er-Jahren und endet mit einem Leitfaden für die Vermeidung diskriminierender Berichterstattung. Methodisch steht das DISS für kritische Diskursanalyse, was vielleicht kompliziert klingt, aber für Wissenschaft auf jeden Fall sehr lesbar und verständlich ist.

Aus der Perspektive Kritischer Psychologie betrachtet Uto Osterkamp Rassismus als Selbstentmächtigung. Der so betitelte Sammelband ist beim Argument-Verlag erschienen und bündelt Texte aus 10 Jahren Forschungsarbeit einer Projektgruppe aus Wissenschaftler_innen, Flüchtlingen, und Praktiker_innen aus der Flüchtlingsarbeit. Entsprechend bietet das Buch eine Reflexion der Alltagspraxis im Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland sowie politische und theoretische Überlegungen z.B. zu institutionellem Rassismus oder zur Funktion der Psychologisierung von „Ausländerfeindlichkeit“. Auch diesem Buch gelingt es größtenteils, komplizierte Zusammenhänge gut lesbar zu formulieren.

Eine Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs liefert der Soziologe und Politologe Robert Miles mit seinem Werk Rassismus, ebenfalls erschienen bei Argument. Das Buch gilt als eines der Standardwerke der Rassismusforschung und legt überzeugend die Entstehungsgeschichte der modernen Vorstellung einer Gliederung der Menschen in „Rassen“ als soziale Konstruktion bzw. Ideologie dar. Weiter diskutiert Miles die Vor- und Nachteile verschiedener Rassismuskonzepte und verbindet diese mit anderen Dimensionen sozialer Ungleichheit in seiner Definition von Rassismus als wirkmächtige Ungleichheitskonstruktion, die mit materiellen oder symbolischen Ausschlüssen einhergeht. Das Buch folgt mehr als die beiden vorherigen den Regeln wissenschaftlicher Literatur, ist aber didaktisch brillant geschrieben und daher auch für Nicht-Soziolog_innen mehr als lesenswert.

Wie die Mehrheitsgesellschaft Fremdheit herstellt, erklärt die Sozialwissenschaftlerin Birgit Rommelspacher mit dem Begriff Dominanzkultur. Der so betitelte Sammelband untersucht Rassismus, Sexismus und Nationalismus mit Blick auf die Normalitätskonstruktionen und Identitäten der Mehrheit. Das Buch ist im feministischen Orlanda Frauenverlag erschienen und nimmt z.T. schon 1995 vorweg, was in den letzten Jahren unter dem Stichwort Whiteness bzw. Weißsein diskutiert wird — die Untersuchung der Rassifizierung statt der Rassifizierten.

Eigentlich für die Bildungsarbeit geschrieben bietet der Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit neben zahlreichen Methoden auch Hintergrundtexte und Arbeitspapiere zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen im erweiterten Themenfeld Rassismus: Vorurteile, Eigen- und Fremdkonstruktion, Rassismus und Weltwirtschaft, Antisemitismus, Nation und Nationalismus, Rassismus und Sprache, etc. Die Bausteine richten sich an Teamer_innen und Aktivist_innen und bietet mehr als die anderen hier vorgestellten Bücher die Möglichkeit, auf wenige Seiten komprimiert gesellschaftspolitisch relevantes Wissen nachzulesen. Wer sich die Mühe macht, die Hintergrundtexte und/oder Arbeitspapiere aus dem umfangreichen Inhaltsverzeichnis raus zu suchen, findet z.B. einen fünfseitigen Grundlagentext darüber, wieso es sinnvoll ist, über Rassismus als gesellschaftlichem Verhältnis zu sprechen statt von Ausländerfeindlichkeit oder Fremdenhass.

  • Von deutschen Einzeltätern und ausländischen Banden. Medien und Straftaten. Margarete Jäger, Gabriele Cleve, Ina Ruth, Siegfried Jäger (Hrsg.), Duisburg 1998. Im Infoladen unter MR47
  • Rassismus als Selbstentmächtigung. Ute Osterkamp, Hamburg 1996. Im Infoladen unter MR45
  • Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs, Robert Miles, Hamburg 1991. Im Infoladen unter MR48
  • Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Birgit Rommelspacher, Berlin 1998. Im Infoladen unter MR46
  • Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit. DGB-Bildungswerk Thüringen, Erfurt 2003. Im Infoladen unter den Büchern, die einfach zu großformatig zum einsortieren sind oder online unter http://baustein.dgb-bwt.de

Neue „Nein“ erschienen

Über ein Jahr wurde sie schmerzlichst vermisst. Jetzt gibt es eine neue Ausgabe des Szene-Blättchens „Nein“. Mit 24 Seiten ist sie leider etwas dünn geraten. Auch befassen sich die insgesamt sechs Artikel zur Hälfte mit Nazis — ein wenig mehr Themen wären nett gewesen. Wenn das kleine Heft inhaltlich nicht gefällt bietet es kleine Origami-Faltanleitungen für verschiedene Modelle an. Hier noch das Inhaltsverzeichnis:

  • Editorial
  • News
  • Heil Hitler 2011
  • Wir haben mehr Fragen als Antworten
  • Gemeinschaftsprojekt Heimatschutz
  • Thesen zum identitätsbewussten Bezug auf Arbeit
  • Nichtmenschliche Mitmenschen
  • Spanische Revolution – das Original
  • Termine

Liegt ab jetzt zum lesen und mitnehmen hier im veto.

Perspektiven autonomer Politik

AK Wantok: Perspektiven autonomer PolitikDer AK Wantok präsentiert mit dem 2010 im Unrast-Verlag erschienenen Buch „Perspektiven autonomer Politik“ eine umfassende Bestandsaufnahme der aktuellen autonomen Bewegung und ihren Tätigkeitsfeldern. Dabei ist der AK Wantok nicht der Stein der Weisen und trägt auch zu keiner Normierung autonomer Politik bei. Im Gegenteil: in zahlreichen Interviews und Beiträgen kommen unzählige Aktivist_inn_en zu Wort und bringen jeweils eine ganz eigene und persönliche Sicht mit ein. Dies führt auch dazu, dass das Buch nicht langweilig wird.
Eine Definition was autonome Politik genau bedeutet wagen die Autor_inn_en nicht. Zu vielschichtig sind die Theorien und Praxen. Vielmehr umschreiben sie den Gegenstand mit einem „autonomen Thesenpapier“ von 1981, dass 1995 in einer revidierten Fassung veröffentlicht wurde. Politik der 1. Person, kein Parlamentarismus, Ziel ist eine grundsätzlich andere Gesellschaft, dezentrale Gegenmacht von unten, Schaffung von Freiräumen und der Versuch Ansprüche wie Antisexismus und Antirassismus auf sich selbst zu beziehen, sind nur ein paar Stichworte aus dem Inhalt.
Gegliedert ist das Buch in ganze 21 Kapitel. Beispielsweise „Politik und Alltag“, „Freiraumpolitik / Selbstverwaltung“, „Geschlechterverhältnisse“, „Antifa“, „Anti-Imps vs. Anti-Deutsche“ und „Tierrechte“ befinden sich darunter. Abgeschlossen wird das Buch mit einem Thesenpapier des AK Wantok zur Zukunft autonomer Politik.
Die breite Palette an Themen verschafft einen ganz guten Überblick was unter dem Label „Autonom“ heute alles so geht. Auch die historischen Beschreibungen und Herleitungen, wieso dieses oder jenes heute so oder anders diskutiert wird, erlauben einen Einblick in die nun doch schon 30 Jahre alte Bewegung. Dabei können die meisten Themen und Diskussionen leider nur angerissen werden, was die Autor_inn_en mit Weiter-Les-Empfehlungen am Ende jedes Kapitels auszugleichen versuchen.
Verschiedene Spannungsfelder fallen beim lesen immer mal wieder ins Auge. Zum Beispiel scheinen die Fragen nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis, Individualität und Kollektivität und Szenepolitik und gesellschaftliche Verankerung zentral zu sein.
Das Buch scheint gerade für neue Aktivist_inn_en interessant zu sein, da viele „Standards“, die in der Szene oft vorausgesetzt werden, leicht und verständlich erklärt und beschrieben werden. Außerdem erleichtern es die zahlreich dargestellten Themenfelder sich selbst innerhalb der Szene zu positionieren.
Doch auch für Leute die schon länger dabei sind bietet das Buch seinen Reiz. Eine Analyse des Ist-Zustandes kann einer Reflexion, Neubestimmung und Neuausrichtung der eigenen Aktivitäten dienen. In jedem Fall wird ein Blick über den eigenen kleinen Tellerrand ermöglicht.

AK Wantok, Perspektiven autonomer Politik steht ab jetzt in der Bibliothek des Infoladens unter der Signatur DIV22.

Verfassungsschutz Thüringen? Verbieten!


Mit jedem Detail, dass über die Nazi-Mordserie der letzten Jahre ans Licht kommt, stellt sich mehr die Frage nach der Rolle der bundesdeutschen Behörden, speziell des Thüringer Verfassungsschutz im Netz des rechten Untergrundes. Die Broschüre „Der Verfassungsschutz in Thüringen“ aus dem Jahr 2000 hat schon damals umfangreich begründet, warum Auflösung die einzige Lösung für das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz ist. Zu haben im Infoladen Sabotnik oder hier online (330kb PDF).

Inhalt:

  • Wer schützt uns vor diesen Verfassungsschützern? Warum Auflösung die einzige Lösung für das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz ist.
  • Die letzten Jahre im Amt
  • Den Ideologierahmen nachliefern? Wegschauen, verharmlosen, belohnen – Das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz und die extreme Rechte
  • Wertesystem nicht in Ordnung
  • Gefährliche Interpretation
  • Rechte Spitzel des Verfassungsschutzes – nicht nur in Thüringen
  • Die Extremisten-Theorie – Bericht des Landesamtes für Verfassungsschutz 1999
  • „Arbeitsname Angelo“ – In Thüringen werden Gewerkschafter und Antifas bespitzelt und diffamiert
  • Beobachtungsobjekt IL Sabotnik
  • Zum Weiterlesen

Ergänzung: Auch das DISS gräbt alte Broschüren aus: Hier gibt es die Studie V-Leute bei der NPD aus dem Jahr 2002 zum Download.

Antifa – Geschichte und Organisierung

Buch: Antifa - Geschichte und OrganisierungHört man das erste mal von einem Buch über die Geschichte der Antifa stellt sich die Frage was denn da mit Antifa gemeint sein könnte. Und ob es überhaupt eine Geschichte geben kann, bei den unzähligen Ansätzen, Strömungen und Ausrichtungen die sich alle als antifaschistisch bezeichnet haben und Heute noch bezeichnen.

Diesem Problem sind sich die Autoren_innen des kürzlich in der Reihe theorie.org des Schmetterling Verlags erschienenen Buchs über die Geschichte der Antifa durchaus bewusst. „Es gibt also nicht die Geschichte einer Bewegung, sondern nur Geschichten, von denen wir eine darstellen und uns bewusst sind, dass andere sie ganz anders erzählen würden.“ schreiben sie schon in der Einleitung. Welche Strömung sie in dem Buch beleuchten wollen wird mit dem Zitat von Max Horkheimer: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ umschrieben. Es geht also um die Strömung der Antifa die neben dem Faschismus selbst auch immer seine Ursachen und Gesellschaftliche Wurzeln in den Blick genommen und bekämpft hat.

Das Buch beginnt bei der Novemberrevolution 1918, dem Widerstand der Roten Ruhrarmee gegen den Kapp-Putsch und der Ausrufung der Antifaschistischen Aktion 1932 durch die KPD. Über die Zerschlgung im Nationalsozialismus, der 68er Bewegung, den Autonomen der 80er Jahre, der AA/BO (Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation) in den 90ern bis zur heutigen Ausdifferenzierung der Szene, zeichnet das Buch das Bild einer Bewegung die sich viel zu selten ihrer eigenen Geschichte bewusst ist. Und dabei ist „[d]as Wissen um die eigene Geschichte – um bereits erarbeitete oder zu verwerfende Theorien und Strategien, geführte Kämpfe, deren Erfolge und Niederlagen – […] entscheidend, um das Rad nicht immer wieder neu erfinden zu müssen, sondern die Entwicklung einer gesellschaftlich wirksamen, emanzipatorischen Bewegung vorantreiben zu können.“

Antifa – Geschichte und Organisation steht ab jetzt im Infoladen, zu finden unter der Signatur RA75.

Bildung zu Kapitalismus und Kapitalismuskritik

Die 102seitige Broschüre „Bildung zu Kapitalismus und Kapitalismuskritik. Methoden, Fallstricke, Rezensionen, Texte“ sammelt Aktivitäten und Methoden, Hintergrundtexte und Rezensionen weiterer Bildungsmaterialien zur Thematisierung von politischer Ökonomie in der Bildungsarbeit. Das Heft erklärt nicht wirklich, was Kapitalismus ist oder gar wie man ihn abschaffen kann, bietet aber Anregungen zur Auseinandersetzung mit Ökonomie abseits des Lesekreis – gegen den natürlich im Grunde nichts einzuwenden ist.

Die Einleitung gibt es online zu lesen im Polök-Wiki, wo auch noch viele weitere Materialien zu Kapitalismuskritik in der Bildungsarbeit zur Benutzung, Bearbeitung und Diskussion online stehen.

Die Broschüre ist für 3€ zu haben im Infoladen.

testcard #20: access denied

Die Testcard ist eine poplinke Zeitschrift, die von der Ausrichtung den Platz einnimmt, wo die SPEX vielleicht früher mal war: Popkultur diskutieren und den Popdiskurs von links politisieren. Oder so. Ausgabe 20 widmet sich dem Thema „Access Denied. Ortsverschiebungen in der realen und virtuellen Gegenwart“.
Es gibt u.A. ein Manifest, mit dem sich das Hamburger Gängeviertel gegen die Vereinnahmung durch das Stadtmarketing verwehrt, ein Gespräch über Pop, zwei Nachrufe auf Martin Büser (dessen Werdegang eng mit der Testcard verwoben war), ein Interview mit der Jugend von Heute (zwei 11- und 12jährige sprechen über ihren Musikkonsum), dazu natürlich einen Sack voll Rezensionen von Büchern, Platten, Videos — und ja, das ist so eine Zeitschrift, wo auch mal was verrissen wird!
Im Infoladen zu lesen unter Signatur Mu-22 — oder als Verkaufsexemplar für 15€.

Auszug aus der Gesellschaft? Nie wieder Gemeinschaft?

Gesellschaft und Gemeinschaft sind zwei vor allem in Deutschland heiß diskutierte Begriffe dafür, wie sich Menschen aufeinander beziehen bzw. beziehen sollten. Das Ideal der Gemeinschaft bedeutet, dass Menschen empathisch miteinander umgehen, einen gemeinsamen Willen entwickeln, kollektiven Ansätzen nachgehen und teilen statt tauschen. Der Gegenbegriff „Gesellschaft“ setzt hingegen auf den Konflikt, die Differenzierung und darauf, sich funktional, kühl und abschätzend aufeinander zu beziehen. Man könnte ganz vereinfacht sagen, Arbeit ist Gesellschaft, Familie ist Gemeinschaft.

Für beides gibt es gute und schlechte Gründe: Gemeinschaft bedeutet Solidarität und Kollektivität, aber auch Volksgemeinschaft, klebriger Zwang und nie alleine sein. Gesellschaft erlaubt, dass man Konfklikte zulässt, statt sie mit Zwangsgemeinschaft zu deckeln, bedeutet aber auch, dass man andere Menschen eher als Mittel sieht denn als Zweck. Entsprechend gibt es linke VerteidigerInnen der Gesellschaft sowie rechte FreundInnen der Gemeinschaft — und andersherum.

In den letzten Jahren wird die Debatte in Deutschland besonders erbittert geführt: Teilen der Antideutschen Linken gilt der Bezug auf Gemeinschaft per se schon faschistoid. Eine hoffentlich etwas sorgfältigere Diskussion findet man in dem Band „Auszug aus der Gesellschaft? Gemeinschaft zwischen Utopien, Reform und Reaktion“ von Gert-Joachim Glaeßner und Klaus-Jürgen Scherer. Das Buch diskutiert den Gemeinschaftsbegriff sozialwissenschaftlich. Es geht auf seine reaktionären Ausformungen ein, will aber auch die Potentiale erschließen, die Gemeinschaftlichkeit für soziale Bewegungen entfalten kann.

Wer’s also lesen (und vielleicht eine richtige Rezension schreiben) will: Signatur ACT09 im Infoladen.

Wir erfassen gerade unseren Buchbestand elektronisch und weisen dabei in loser Folge auf besonders bemerkenswerte, skurrile oder lesenswerte Bücher hin.

Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

„Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ ist ein Klassiker des Individualanarchismus. Der Autor Henry David Thoreau hatte 1845 die Schnauze voll vom Staat und zog in eine Hütte im Wald. Dort schrieb er „Walden“ — auch ein Klassiker. Später hielt er Vorträge, die er irgendwann zu einem Essay namens „Civil Disobedience“ zusammenfasste. Dieser Titel (dt. Ziviler Ungehorsam) wird später zur Bezeichnung einer ganzen Traditionslinie des Widerstands, die sich weniger auf den bewaffneten Kampf als auf den bewussten und offenen Verstoß gegen Gesetze verlässt und oft die Verhältnisse nicht umstoßen, sondern verbessern will. Der Anfang des Essays wurde von einem unbekannten Künstler vertont:

[audio:https://sabotnik.infoladen.net/images/mananacompilationregierungen.mp3] Download (.mp3)

Die deutsche Übersetzung des berühmten Essays heißt „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ und ist im Infoladen zu haben unter der Signatur A15.

Wir erfassen gerade unseren Buchbestand elektronisch und weisen dabei in loser Folge auf besonders bemerkenswerte, skurrile oder lesenswerte Bücher hin.

Marx-Engels-Werke: Über 30 Bände zu verschenken

Ergänzung: Die Bücher sind vergeben. Das ging schnell.

Durch eine großzügige Spende haben wir jetzt den größten Teil der blauen Dietz-Ausgabe der Marx/Engels-Werke doppelt. Das bedeutet geschätzte 40kg solide Theorie, die hier leider im Weg rumstehen. Wer möchte, kann gerne die ganze Kiste oder einzelne Werke daraus mitnehmen. Ach ja: Band 3, 24, 25, 26 sind nicht dabei.

Anarchie ist drin, Frau Nachbarin

Mensch kennt das: Kaum sagt jemand Anarchie, erwiedert wer anderes „Das geht doch sowieso nicht“. Womit die Diskussion sogleich ins Reich der Hypothesen und Visionen verwiesen wäre — wenn es nicht gleich darum geht, sich darüber zu streiten, ob Machbarkeit nicht schon ein Problem per se ist. Als Beleg für die konkrete Machbarkeit anarchistischer Entwürfe zieht mensch dann vielleicht noch die Machnowstschina oder Spanien 1936 heran. Wissen darüber, wann und wo Menschen sich entschlossen haben, ohne Staat und Herrschaft zu leben und wie sie dann ihre Angelegenheiten geregelt haben, gibt es kaum.
Wer das bedauert, kann sich im Infoladen das Buch „Völker ohne Regierungen. Eine Anthropologie der Anarchie“ ausleihen. Das stellt aus anthropologischer Sicht fast 30 Konstellationen vor, in denen sich Menschen ohne Regierung und Staat organisiert haben. Dazu gibt es einen 50seitigen Theorieteil „Über das Wesen der Anarchie“. Das Bändchen ist (wie fast alle Bücher hier) schon etwas angestaubt, was man auch am Begriff „Völker“ merkt, den heute wohl kein anarchistisches Werk im Titel führen würde. Auch ist es sicher möglich, dass der anthropologische Blick zu Eurozentrismus und zur Romantisierung des „einfachen Lebens“ neigt und dass bei weitem nicht alle vorgestellten Modelle sonderlich emanzipatorisch sind.
Aber Egal. Wer nach Antworten auf die Aussage „Das geht doch sowieso nicht“ sucht, kann das Buch ja ausleihen und lesen. Und eine richtige Rezension schreiben. Oder eine kleine Lesung im Veto machen.

Harold Barclay; Völker ohne Regierung. Eine Anthropologie der Anarchie. Berlin 1985. Signatur A19

Wir erfassen gerade unseren Buchbestand elektronisch. Kann gut sein, dass wir in loser Folge auf besonders bemerkenswerte, skurrile oder lesenswerte Bücher hinweisen.