Rückblick auf Erfurt 4.7. II: Gegenseitiges Bestärken bei Zusammenstehen, Vernetzung im Norden, Versagen der Radikalen Linken
Da war doch was… Wir haben rumgefragt und Genoss*innen gebeten, ihren Eindruck vom vergangenen Wochenende aufzuschreiben, um die Deutungsmacht über den Tag nicht vollends der bürgerlichen Presse und Social Media zu überlassen. Wir veröffentlichen in den nächsten Tagen nach und nach die Zuschriften. Schreibt uns gerne weitere Eindrücke.
Ich möchte gerne meine Eindrücke des Samstags und der Vorbereitung auf diesen teilen.
Im Vorfeld war ich auf einer großen widersetzen-Veranstaltung, die gut besucht war, aber außer Redebeiträgen und Parolen nicht viel zu bieten hatte.
Nach mehr als 20 Jahren sehr niedrigschwelliger politischer Arbeit meinerseits, die sich fast ausschließlich auf Sticker kleben beschränkte, habe ich beschlossen endlich wieder mehr zu tun. Die Veranstaltung im Kommarum schien mir der richtige Einstieg. Fehlanzeige. Ich habe dann beschlossen irgendwas zu tun,was irgendwie mehr Sinn ergibt als sich auf eine Strasse zu setzen, die im Zweifel sowieso die falsche ist. Was ja dann auch so war.
Ich war am Samstag Ordner im Backstage der Zusammenstehen Demo und das hatte für mich mehr Nachhall als Kamikazemäßiges Versperren von Strassen, die in keinster Weise eine Rolle für irgendwen gespielt haben. Mal abgesehen vom Festkleben auf Bahnschienen ins Nirgendwo. Dumm.
Die Masse an Menschen, die den Messeparkplatz aufgesucht haben hat mich überwältigt, auch wenn es ein bisschen Volksfestcharakter hatte. Aber man konnte sich bestärken in dem was man tut, wofür man einsteht. Und für mich, als quasi Anfänger, war es gut unter so vielen stabilen Leuten zu sein, sich auszutauschen und Input zu bekommen. Auch wenn nichts verhindert werden konnte, und das war mir auch von vornherein klar, habe ich jede Minute meines kleinen Beitrags zum Antifaschismus genossen.
ich habe pennplätze betreut, hatte in dem zusammenhang zwei unterschiedliche erfahrungen mit leuten von widersetzen – der mensch aus Erfurt hatte offenbar zu viel um die ohren und die person der bundesorga war sehr zuverlässig.
die erste demo und die redebeiträge fand ich gut, war aber nur dort, um die zahl der teilnehmenden zu erhöhen und hatte keine kämpferische bezugsgruppe. leider.
später dann zum flyer und wasser verteilen im namen der FAU Erfurt war es eher anstrengend – es gab quasi von allem zu viel. die MLPD war auf dem Gothaer viel zu präsent, wie ansonsten auch alle anderen großen player. linksradikal war eigentlich nicht wahrnehmbar im verlauf des tages. ich fand es toll, dass so viele menschen meinen, die afd sei eine gefahr.
ich habe etliche leute von widersetzen, seawatch, küfa, trommler*innen und kleineren gruppen aus ganz D kennenlernen dürfen und das war cool. außerdem fand ich es cool, dass es eine kleine vernetzung in Erfurt Nord gab und zum beispiel übriges essen geteilt wurde. nachtrag: ich war allein und es hieß in der signal-gruppe, nazis würden sich am Ilversgehofener Platz sammeln. das war eine schrecksekunde und zum glück falscher alarm 😅
Bewegungssimulation und Versagen der Radikalen Linke
- Die nachträglichen Presseberichte über den Tag hätte man auch vorher schon schreiben können. Bei Widersetzen stand das Narrativ schon vorher fest, in anderen Worten: Die Geschichte, die man über den Tag erzählt, entsteht schon im Vorhinein im Kampagnenbüro, dass so routiniert Bewegung simuliert, wie ein anderes Berliner Startup ein revolutionäres Waschmittel erfindet. Und so routiniert wie bei WELT, Nius und BILD von der anderen Seite. Fast ein Glück für die rechten Hetzer, dass dem Apollo-Otto auf der Autobahn sein Handy gezockt wurde, sonst hätte man sich die Gewalt von Links komplett aus den Fingern saugen müssen.
- Was auf der Straße geschah, war weitgehend Choreographie: Symbolische Blockaden hier, freier Zugang zur Messe drei Ecken weiter. Und während das Gros der Delegierten schon angekommen war, hieß es in der Blockade: „Wir sitzen hier genau richtig.“ Was stimmt, wenn klar ist, es geht nicht darum, den Parteitag maximal zu stören oder gar zu verhindern, sondern darum, Menschen die Illusion von Selbstwirksamkeit zu vermitteln.
- Das alles kann man Widersetzen nicht vorwerfen. Widersetzen hat nicht den Anspruch, mehr als eine Choreografie entlang eines vorab entworfenen Aktionsbilds zu liefern. Der Kampagnen-Antifaschismus hat also nicht versagt. Er ist einfach übrig geblieben. Vor 20 Jahren war das niederschwellige Mitmach-Angebot ein Teil verschiedener Aktionsformen, die sich gut ergänzt haben. So gut, dass mancher Castor signifikant verzögert, manches Gipfel-Event merklich gestört wurde. Was aber nur funktioniert hat, weil man sich den Raum aufgeteilt hat — Mitmach-Blockade da, Kleingruppen-Action dort. Dazu ein gemeinsamer Ticker, der nicht dazu da ist, sich selbst zu feiern, sondern allen die Möglichkeit bietet, sich ein Bild über die Lage zu verschaffen. Dass das heute nicht mehr geschieht, ist nicht die Schuld von Widersetzen, sondern eher unser eigenes Versagen als radikale, autonome Linke.
Schade, wie unbehelligt Nazis an dem Tag durch die Stadt laufen konnten.